Noch als Mi im Krankenhaus ist, vereinbare ich mit der Onkologie, also Dr. Nolte, daß wir mit der Chemotherapie, die jetzt folgen muß, bald beginnen müssen, aber erst, wenn sich Mi völlig von der OP erholt hat. Sie soll nicht zusätzlich belastet werden.

In einem weiteren Gespräch stellt uns Dr. Nolte dann die ganze, volle Wahrheit vor. Es gibt keine Heilung mehr. Der Prozeß ist unumkehrbar. Die statistische Lebenserwartung eines Patienten mit diesen Merkmalen liegt bei 1,5 bis 3 Jahren. Ja, aber es kann auch länger gut gehen. Auf meine Frage: “Auch kürzer ?” drückt sie nur stumm meine Hand. “Ja”.

Vor Aufnahme der erneuten Chemotherapie findet ein weiteres Gespräch statt, zu dem ich nicht mitkommen kann. Die Folge ist, daß ab Juli die Behandlung beginnen soll, was mich ein wenig verwundert. Zum ersten Termin gehe ich wieder mit, wie üblich hat die Krankenkasse einen Taxitransport genehmigt. “Und? Wie war Ihr Urlaub in Thailand?” fragt Dr. Nolte meine Mi. “Schön, hat mir gut gefallen”.

Mir wird schwindelig. Mi war nicht in Thailand. Aber mir wird schlagartig klar, was sie getan hat. Sie hat so viel Angst vor den Qualen der Chemotherapie, daß sie die Therapie durch diese Lüge weiter hinaus geschoben hat.

Ich stelle nur eine Frage: “Wird die Chemo lebensverlängernd sein?” Die Antwort ist ebenso eindeutig: “Nein”. Sie wird das Weiterleben erleichtern, die Lebensqualität verbessern.

Ich schränke ab diesem Zeitpunkt meine Einflussnahme ein. Mi erwartet von mir, daß ich sie gut berate, und ich sage ihr ausdrücklich, daß nur sie alleine entscheiden muß, nehme aber die Argumentation der sehr erfahrenen Ärztin auf, und die Chemo beginnt.

Da nun auch während jeder Sitzung untersucht wird, tritt ein neues Problem auf. ein neuer Tumor scheint zu wachsen. Die Ärztin rät dazu, die Chemo zu unter- brechen und eine Strahlentherapie durchzuführen. Diese hat keine der Auswirkungen wie die Chemo, und so stimmt Mi zu. Am 21.8. ist die erste Besprechung dort, und am 2.9. beginnt die Bestrahlung, jeweils von Montag bis Freitag täglich.

Nach kurzer Zeit klagt Mi über Schmerzen im Oberschenkel und Po. Der Hausarzt untersucht sie gründlich, und wieder trifft er, wie ich im Nachhinein weiß, eine gute Entscheidung. Er veranlaßt eine Unter- suchung bei einem Spezialisten im Stiftkrankenhaus, und der wiederum eine erneute CT, und auch er läßt seine guten Beziehungen spielen. Ein Untersuchungs- termin wird auf den nächsten Tag, das ist ein Freitag Vormittag, festgelegt, auch da bin ich wieder dabei.

Am Freitag nachmittag kommt ein Anruf des unter- suchenden radiologischen Institutes mit dem Rat, sofort das Krankenhaus aufzusuchen.

Es droht eine unmittelbare Querschnittslähmung.

Ja was denn noch alles?