Der 21. Dezember

Ich füge diesen Teil, der die Tage vom 21.-24. Dezember beschreibt, erst heute am 1. Januar 2019 hinzu. Ich weiß den Ablauf auf die Minute genau, als sei gerade Weihnachten 2013 vorbei.

Ich sitze am 21. Dezember wie so oft vor meinem PC und arbeite an meinen verschiedenen Internetseiten. Das macht mir nach wie vor Spaß, und es hilft mir, meine Gedanken auf bestimmte Objekte zu lenken. Plötzlich gegen 17 Uhr stürmt meine Frau in mein Zimmer. Sie, sonst die Ruhe selbst, ruft aufgeregt, daß ich sofort zu Mi kommen sollte. Ich bin sofort da, und ich bemerke eine fürchterliche Aufgeregtheit bei Mi, verbunden mit Schnappatmung und Schmerzlauten. Sie starrt mich mit große Augen an und fleht um Hilfe. Was kann ich tun? Sofort die 112 anrufen, und ich versuche, mit knappen Worten die Situation zu schildern. Eine beruhigende Stimme spricht auf mich ein und verspricht, daß meiner Tochter sofort geholfen werde. Die Sekunden werden zu Minuten, die Zeit scheint still zu stehen. Aber nach wenigen Minuten hören wir die Signale, die ein Stück vor unserem Haus verstummen. Ich öffne die Tür und mehrere Personen treten ein, ruhig und gelassen. Das müssen sie sein, denn sie dürfen ja nicht noch mehr Aufregung in ein Haus bringen. Ich muß nicht viel erklären, die Notärztin sieht sofort Mis Zustand. Sie macht ihre Messungen, um Mi dann mit beruhigender Stimme zu sagen, daß jetzt ein großer Schmerz auf sie zukommt. Sie muß eine Spritze direkt ins Herz setzen, und tatsächlich stöhnt Mi schmerzerfüllt auf. Aber sofort ändert sich ihr Zustand. Die Atmung wird ruhiger, der schmerzerfüllte Ausdruck ihres Gesicht verliert sich.

Die Ärztin erklärt uns, daß der Herzschlag von Mi auf weit über 200 Schläge pro Minute angestiegen war. Und wieder nimmt mich eine Ärztin beiseite. Ich berichte ihr, so kurz ich kann, von der Situation des ganzen Jahres. Sie erklärt mir, daß Mi noch zuhause bleiben könne, rät mir aber zu einem Transport ins Krankenhaus. Und sie rät mir ebenfalls zum Transport in das Stiftskrankenhaus, weil es dort eine sehr gute und aufnahmebereite Palliativstation gäbe. Wir beziehen Mi in unsere Beratungen mit ein, und sie möchte dort hin. Ich werde die Fahrt begleiten, während All sich vorbereitet, die Nacht mit Mi zu verbringen. Das hat ihr ebenfalls die Ärztin geraten.

Im Krankenhaus wird Mi mehrfach und sorgfältig untersucht, ihr Zustand ist ja nicht unbekannt, nachdem sie bereits mehrfach im Stift stationär behandelt worden war. Man weist Ihr ein Bett in der Palliativstation zu, das für sie alleine hergerichtet ist. Ein zweites Bett wird dazu gestellt, und so kann meine Frau die Nacht hier verbringen.

Am nächsten Morgen bin ich natürlich so früh wie möglich wieder bei meinen beiden Frauen. Es gibt nicht wie auf den anderen Stationen eine Visite, aber mehrere Ärzte kommen ins Zimmer und beraten sich, und sie ziehen uns in ihr Gespräch mit ein. Eine Ärztin, die ich noch nicht kenne, nimmt meine Frau und mich wieder einmal beiseite, während die anderen Ärzte sich weiter begeben. Sie erklärt uns, daß die gestrige Untersuchung eine weitere Veränderung im Darm- und Bauchbereich ergeben hätte. Man könne eine weitere Operation versuchen, obwohl kaum noch Möglichkeiten für einen Zugang vorhanden sei. Sie verneinte meine Frage, ob eine OP eine dauerhafte Besserung ergeben würde. Nun kommen wir auf die Patientenverfügung zu sprechen. Ich habe eine Zeit nach der ersten Diagnose zusammen mit Mi und ihrem Hausarzt eine Patientenverfügung erstellt, die ich natürlich zu Beginn der ersten Behandlung auch dem Stiftskrankenhaus übergeben hatte. Und die Ärztin hielt den Zeitpunkt für gekommen, mich zu einer Entscheidung zu befragen. Schon der Transport in den OP sowie die erfoderliche Umlagerung würde eine große Strapaze für Mi darstellen.
Da Mi im Großen und Ganzen noch ansprechbar war, haben wir mit ihr ausführlich gesprochen. Sie war sehr klar in ihren Gedanken, und auch ihre Entscheidung war ebenso klar wie eindeutig. Nein, keine Operation mehr. Nicht noch einmal aufschneiden. Nicht noch einmal Schmerzen. Nicht mehr.

Es war deutlich zu merken, mit welcher Erleichterung die Ärztin diese Entscheidung zur Kenntnis nahm. Auch die diensthabende Schwester aus Sri Lanka wirkte erleichtert, und sie sagtre mir mit einfühlsamen Worten, daß alle auf genau diese Entscheidung gehofft haben.

Zeit für (m)ein Fazit